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Das Elsass und Tomi Ungerer: Die Geschichte einer deutsch-französischen Inspiration!

Das Elsass:
Die geteilte Heimat des Kindes Tomi UngererDSC08714

„Das Elsass ist wie die Toilette Europas; immer ist es besetzt!“

Das hat Tomi Ungerer einmal gesagt, denn das Elsass hat eine sehr reiche und dramatische Geschichte erlebt. Es war mal französisch, mal deutsch… Und für die Elsässer wie Tomi Ungerer bedeutete dies mehrere Änderungen an Staatsangehörigkeit, Sprache und Kultur.

 Tomi Ungerer, ein vaterloses Kind

Jean-Thomas (alias Tomi) Ungerer ist ein geborener Elsässer. Er ist 1931 in Straßburg zur Welt gekommen. Er war erst drei Jahre alt, als sein Vater gestorben ist. Tomi glaubt, dass sein Vater ihm nach seinem Tod all seine Talente vererbt hat. Sein ganzes Leben lang hat Tomi seinem Vater eine große Liebe und einen großen Respekt gezeigt. Er hat ihm sogar ein Buch gewidmet: „De père en fils“.

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Der inspirierende Cocorico!

Das Elsass ist Tomi Ungerers Heimat, und wie wir in diesem Zitat sehen können, auch der Ort seiner Inspiration: « Moi, je suis parti avec mes racines dans les bottes. Elles sont enchevêtrées avec les racines de la plante de mes pieds qui fleurissent lorsque j’enlève mes chaussettes. »

Das Haus der Ungerer Familie in Logelbach mit dem für Tomi sehr wichtigen Hühnerstall hat Tomi besonders inspiriert. Er hatte nämlich einen Tisch und einen Stuhl im Hühnerhof und machte dort seine Hausaufgaben.

Ach! Meine Hühner! Ich lebte in ihrer Intimität. [Sie] pickten auf meine Schiefertafel. Jede von ihnen hatte einen Namen; der Hahn, der daran gewöhnt war, meinen Befehlen zu folgen, setzte sich auf meine Schultern und sang das französische Cocorico.

Tomi Ungerer hat sogar ein Familienbuch für die Hühnern geschrieben, mit typischen Merkmalen, Namen, Geburtsjahren, Anzahl der Küken und Todesursachen (gegessen, wegen Alters gestorben, ermordet oder verkauft). So ist Tomis Inspiration mit den Küken geschlüpft.

Die väterliche Bibliothek

Im das Haus in Logenbach gab es die Bibliothek seines Vaters, in dem Tomi sehr schöne Bücher entdeckt hat. Diese Bücher enthielten Illustrationen die Tomi Ungerer sehr inspiriert haben: die meisten waren von elsässischen Künstlern: Gustave Doré (der die Märchen von Charles Perrault illustriert hat), Jacques Rothmuller, Jean-Jacques Waltz (Hansi) und Leo Schnug.

Der Krieg und die Besatzung durch die Augen eines Kind

Die deutsche Besatzung des Elsass begann 1940. Als Tomi neun Jahre alt war, hat er die Ankunft der Nazis, die ungerechtfertigte Gewalt und den Schrecken gesehen. Die Nazi-Zeit hat ihn sehr geprägt; er sagt, diese Erfahrung habe ihn zutiefst traumatisiert, sie sei eine Quelle der Inspiration geworden und habe bei ihm eine tiefsitzende Abneigung gegen Tyrannei, Anblick der unschuldigen Opfer und Zerstörung ausgelöst. Dies veranlasste ihn dazu, wollte er später die Kinder sensibilisieren und deshalb hat er Kinderbücher geschrieben.

Seit er klein war, ist das Zeichnen Tomis bevorzugte Form des kreativen Ausdrucks. Er hat während des Krieges sehr viel gezeichnet. Sie können seine Zeichnungen von damals in dem Buchà la guerre comme à la guerre“ ansehen.

Das Elsass
durch die Augen des erwachsenen Tomi Ungerer

Versöhnung mit der Heimat

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„Das große Liederbuch“1975 ist von elsässischen Landschaften und elsässischem Alltagsleben inspiriert. Es ist eine sehr schöne Sammlung von 204 Deutsche Volksliedern. Es war ein Projekt vom Diogenes Verlag, um das Deutsches Volk mit seinem Kulturerbe zu versöhnen. Tomi Ungerer hat sieben Jahren für die Fertigstellung gebraucht. Er diese Bilder von seinem Elsass in Kanada gezeichnet. Er hatte nämlich als junger Mann das Elsass verlassen und ungefähr 20 Jahre in Amerika verbracht, 15 Jahre davon in New-York und 5 Jahre in Nova Scotia, Kanada. Die Arbeit an dem Liederbuch hat seine Sehnsucht nach der Heimat so geweckt, dass er sich dann entschlossen hatte, nach Europa zurückzuziehen. Er lebt heute halb in Irland, halb im Elsass.

Nebenstehendes Bild hat Ungerer für das Lied, „Am Brunnen vor dem Tor“ gezeichnet. Man kann ein typisch elsässisches Dorf mit Fachwerkhäusern, dem Brunnen und den Figuren in elsässischer Volkstracht sehen. Das ist sicher ein idyllisches Bild von Elsass. Aber es gibt auch eine Spur von Tomi Ungerers typischem Humor: oben im Baum sitzt ein Junge, der eine Spinne herab lässt.

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Dieses andere Bild mit dem Sonnenaufgang über einem elsässischen Dorf repräsentiert das Lied „Jeden Morgen geht die Sonne auf“, ein sehr schönes Lied. In Ungerers Illustration wird die Harmonie lediglich etwas durch die Katze gestört, die einen Blumentopf herabstößt.

Zurück in das Elsass der Kindheit: die Kinderbücher

Tomi Ungerer ist besonders für seine Bilderbücher bekannt. Die meisten sind natürlich auch von den Landschaften und der Kultur seiner eigenen Kindheit inspiriert. Insbesondere die folgenden drei Bücher :

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Zeraldas Riese:

Zeralda ist ein Mädchen, die mit leckerem Essen den Riesen zum Gentleman machen will. Sie ist eine (kleine) typische elsässische Frau mit blonden Haaren und dem traditionellen Kleid.

Ihr Essen ist typisch elsässisch, vom Essen der Mutter Tomis inspiriert.

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Kein Kuss für Mutter:

Tobi ist ein Kätzchen, das gegen seine Mutter, seine Familie und die ganze Gesellschaft rebelliert. Das ist ein autobiografisches Kinderbuch, von der Kindheit Tomis und der unendlichen Liebe seiner Mutter inspiriert.

Man sieht zum Beispiel die Schnapsflasche die den Amerikanern sehr missfallen hat.

Flix

Flix:

Flix ist ein Hund, dessen Eltern zwei Katze sind, und der die Katzensprache mit seinem Hunde- Akzent sprechen muss. Er will in der Katzen-Gesellschaft akzeptiert werden. Tomi Ungerer wollte eine Parallele zum Elsass ziehen: zwischen 1940 und 1945 mussten die Elsässer Deutsch mit ihrem französischen Akzent sprechen, weil die französische Sprache verboten war. Es war schwer für sie, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren (und nach der Befreiung war es noch schwerer für sie, wieder Franzosen zu werden, weil Frankreich den elsässische Dialekt und den elsässischen Akzent auslöschen wollte). Tomi Ungerer stellt hier in Bilderbuchform die komplizierte historische Vergangenheit seiner Heimat dar, damit die Kinder sie leicht verstehen können.

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„Ich hasse den Hass“: von Elsass nach Europa

Mit viel Humor und Ironie zeichnet Tomi Ungerer die Gefühle der Elsässer ihrer Geschichte und doppelten Identität gegenüber. Aber für ihn muss das Elsass jetzt nicht mehr „die Toilette Europas“ sein, sondern die offene Tür der Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich.

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Die Konflikte zwischen Frankreich und Deutschland haben Tomi Ungerer schwer geprägt. Um keinen Preis will er sie wieder erleben, deshalb ist er pro-europäisch: Seit den 1980er Jahren engagiert sich Tomi Ungerer für den Prozess der Versöhnung und Kooperation zwischen Deutschland und Frankreich: „Die europäische Einheit ist wie ein Impfstoff gegen Krieg“, glaubt er.

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Die Lorelei auf dem abgebildeten Poster repräsentiert die deutsch-französische Verständigung. Ihr Büstenhalter ist aus zwei Fisch-Köpfen gemacht und die Fischschwänze tragen die Farben der Flaggen Deutschlands und Frankreichs. Tomi Ungerer hat 1987 dieses Plakat für das „Rheinfest“ gezeichnet.

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Hier ist das Plakat für das fünfzigjährige Jubiläumdes Europarates im Jahre 1994: „Bestelle deine Wurzeln und pflanze sie in die Sterne“.

Ein Mädchen (dessen Kleid an das traditionelle elsässische Kleid erinnert) erntet Sterne in einem Baum: Das stellt natürlich die europäische Flagge dar.

Tomi Ungerer wurde 2000 zum offiziellen Botschafter des Europarates in Straßburg für Jugend und Erziehung ernannt und ein Museum in Straßburg präsentiert seit 2007 das riesige Werk Tomi Ungerers. Was für eine bewundernswürdige Lebensleistung für ein unprätentiöses Kind, das den Krieg und die Besatzung erlebt hat. Für den Elsässer und den Verteidiger der europäischen Union ist heute Tomi Ungerer zu einem Vorbild geworden.

Ein Beitrag von Madeline Aeschlimann

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